Digitale Nachbarschaftsplattformen als Mittel für mehr lebendiges Miteinander

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Die Digitalisierung beeinflusst das Leben in Städten und Kommunen auf vielen Ebenen. Dr. Jens Libbe vom Deutschen Institut für Urbanistik spricht über Chancen und Herausforderungen von digitalen Nachbarschaftsnetzwerken.

Dr. Jens Libbe (Bild: David Aussenhofer)

Dr. Jens Libbe ist Leiter im Forschungsbereich Infrastruktur, Wirtschaft und Finanzen am Deutschen Institut für Urbanistik.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem Zukunftsstadt und urbane Transformation, Digitalisierung sowie kommunale Daseinsvorsorge und institutionelle Wandel kommunaler Aufgaben.

Im Interview spricht der promivierte Volkswirt und Sozialökonom über den Mehrwert von digitalen Nachbarschaftsplattformen für unsere Gesellschaft und verrät seine Vision für die ideale Nachbarschaft der Zukunft.

Soziale Medien und Plattformen werden häufig kontrovers diskutiert. Wie bewerten Sie digitale Medien bezüglich des Zusammenlebens in der Nachbarschaft?

Dr. Libbe: Eine häufige Annahme ist, dass Digitalisierung und digitale Medien zu sozialer Entfremdung führen. Was wir aktuell in unserer Gesellschaft beobachten können widerspricht dieser Annahme: Quartiersbezogene Online-Plattformen und -Gruppen haben während der Corona-Krise gezeigt, wie zentral sie für den sozialen Austausch und die Organisation von Nachbarschaftshilfe sind.

Richtig eingesetzt können digitale Plattformen dazu beitragen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und das Leben in der Nachbarschaft facettenreich zu gestalten.

Wo sehen Sie das größte Potenzial in Nachbarschaftsplattformen – besonders in Krisenzeiten?

Dr. Libbe: Ich sehe großes Potenzial in digitalen quartiersbezogenen Plattformen – besonders bezüglich der sozialen Daseinsvorsorge, die sich über diese Plattformen ganz anders als in kommunalen Einrichtungen organisieren lässt. Lokale digitale Netzwerke funktionieren sehr gut als Ergänzung zu bestehenden städtischen und kommunalen Strukturen, wie zum Beispiel Volkshochschulen, Jugendzentren und Nachbarschaftshäusern.

Über digitale Nachbarschaftsplattformen kommen Menschen ganz anders zusammen, es findet ein besonderer Austausch unter den Nutzer*innen statt und viele neue Begegnungsformate finden hier auf Eigeninitiative ihren Anfang.

Die Krise hat viele soziale Prozesse verstärkt und ins Rollen gebracht. Gleichzeitig mussten zeitweise viele Begegnungsorte schließen. Nachbarschaftsplattformen haben in dieser Zeit den benötigten Raum für kreative Alternativen des gesellschaftlichen Miteinanders geboten: von pragmatischen Nachbarschaftshilfen, wie der Organisation von Einkäufen und Botengängen, bis hin zu Balkon- und Hinterhofkonzerten oder Gesprächsgruppen zum Austausch über Ängste und Probleme.

Durch Corona haben diese Plattformen an Bedeutung gewonnen und einen Anstieg in der Nachfrage erfahren. Meinen Beobachtungen zufolge ist die Nutzungsintensität digitaler Nachbarschaftsnetzwerke angestiegen – und ich bin überzeugt, dass dies auch in Zukunft so bleiben wird.

Wie sieht für Sie die ideale Nachbarschaft der Zukunft aus?

Dr. Libbe: Zentral sind auf jeden Fall Themen wie Nähe und Vernetzung im Quartier – besonders in Krisenzeiten. Die ideale Nachbarschaft bedeutet für mich vor allem soziale Mischung. Durch fortlaufende ökonomische Prozesse entmischen sich die städtischen Quartiere und Bevölkerungsschichten immer mehr – alle leben nur in ihren Blasen und das soziale Miteinander geht verloren. Dies führt letztlich zur Zerstörung des Gemeinwesens.

In der idealen Nachbarschaft begegnen sich Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichem Einkommen auf Augenhöhe.

Wohnen, Leben und Arbeiten finden gleichermaßen statt. Es gibt genügend öffentliche Plätze für Begegnung und Grünflächen zum Entspannen und Verweilen. Eine Nachbarschaft sollte facettenreich sein – es liegt an uns allen, diese Vielfalt zu schützen und miteinander zu leben.


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Johanna Meinel | nebenan.de

Johanna Meinel unterstützt das Kommunikationsteam von nebenan.de seit April 2018. Die Masterstudentin hat zuvor ihren Bachelor in den Fächern Skandinavistik und Volkswirtschaftslehre abgeschlossen.